Aktion Bleiberecht
Das Gebäude, welches wir nun sehen, ist das Büro der Aktion Bleiberecht. Aktion Bleiberecht engagiert sich in der Freiburger Migrations- und Flüchtlingspolitik. Dazu gehört auch die Thematisierung von Ausgrenzung und Diskriminierung in der Stadt Freiburg. Eine ihrer Initiativen ist die LEA-Watch, welche große Kritik an der Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Freiburg äußert und sich für die Grundrechte von Menschen mit Fluchtgeschichte einsetzen. Denn die Lebensbedingungen für Menschen mit Fluchtgeschichte sind in solchen Gemeinschaftsunterkünften sehr problematisch. Um einen Eindruck dieser schwierigen Lebensbedingungen zu bekommen, haben wir ein Interview mit Mulham, einen Menschen mit Fluchtgeschichte geführt. Mulham war zwar nicht in der Landeserstaufnahmestelle, jedoch sind die dortigen Verhältnisse kein Einzelfall und treten in Deutschland, aber auch in anderen Ländern des Öfteren auf:
INTERVIEW
Interviewer*in: Hallo Mulham, bist du damit einverstanden, dass deine Angaben für entsprechende Veröffentlichungen oder Dokumentationen verwendet werden? Mulham: Ja
I.: Wo hast du bis zu deiner Flucht gelebt und wie war es dort bzw. hat es dir dort gefallen?
M.: Ich habe in Syrien gelebt, bis ich dann geflüchtet bin. Mir hat es dort sehr gut gefallen, es ist meine Heimat.
I.: Hast du Heimweh und was fehlt dir aus deiner Heimat?
M.: Ja sehr, meine Kindheit fehlt mir, meine Familie, mein Zuhause und meine verstorbenen Freunde und Freundinnen fehlen mir sehr.
I.: Warum bist du geflüchtet?
M.: Um Sicherheit zu finden, eine bessere Zukunft. Man kann es auch so sagen, dass wir das Recht auf ein sicheres Zuhause haben und das haben wir gesucht. Deswegen sind wir geflohen, weil wir das in Syrien einfach nicht mehr hatten.
I.: Bist du mit deiner Familie oder allein geflüchtet?
M.: Auf der Reise zwischen der Türkei und Deutschland war ich alleine, weil ich eine Absage von Deutschland bekommen habe. Obwohl meine Eltern in Deutschland aufgenommen wurden, musste ich mit 16 Jahren alleine von der Türkei aus über Griechenland nach Deutschland weiterreisen. Das hat insgesamt 3 Jahre gebraucht und mit 19 Jahren war ich dann endlich in Deutschland.
I.: War dein Weg ins neue Land gefährlich und hattest du dabei Angst?
M.: Ja, gefährlich auf jeden Fall. Es war etwas Neues, etwas was ich noch nie erlebt habe, ob ich Angst hatte weis ich nicht mehr ganz genau, aber ich habe auf jeden Fall Gefühle gespürt, die ich davor nicht kannte.
I.: Wie war die Ankunft im ersten europäischen Land, und dann später in Deutschland?
M.: Als ich in das erste europäische Land gekommen bin, war ich 17 Jahre alt und es hat so geendet, dass ich ins Gefängnis musste. Als ich dann nach Deutschland gekommen bin, war alles gut, außer, dass die Polizei gemeint hat, da ich über 18 Jahre alt bin, brauche ich meine Eltern nicht und deswegen wurde ich in ein Camp nach Karlsruhe geschickt.
I.: Wie wurdest du aufgenommen und hast du dich Willkommen gefühlt? M.: In Deutschland war alles perfekt, trotzdem habe ich „Angst“ gehabt, weil ich nur die Polizei in Griechenland kannte und die haben uns geschlagen, vor allem ins Gesicht.
I.: Wo fandest du deine erste Unterkunft und wie sah diese aus?
M.: Meine erste Unterkunft in einem europäischen Land war Griechenland. Es war sehr komisch, weil es auf einer kleiner Insel mitten im Meer war und wir mussten uns immer irgendwo Wasser holen und zum Camp bringen. Und dann mussten wir ein kleines Boot nehmen, um zum Festland zu kommen. Das war sehr unangenehm, weil wir dort viel geschlagen wurden.
I.: Was war deine erste Unterkunft in Deutschland und wie sah sie aus?
M.: In Deutschland war es dann viel viel einfacher, nur ich war sehr schockiert, weil ich nicht erwartet habe, dass ich nicht zu meinen Eltern gehen darf und in ein Camp in Karlsruhe musste. Und damals wusste ich nicht was Karlsruhe überhaupt ist und wie weit das von meinen Eltern entfernt ist. Und dann wurde ich von Karlsruhe nach Heidelberg geschickt, von dort nach München und dann endlich nach Freiburg zu meiner Familie.
I.: Hattest du Angst als du in die Unterkunft des neuen Landes gekommen bist?
M.: Naja, Angst habe ich nicht mehr gehabt weil ich richtige Scheiße erlebt habe. Ich war im Gefängnis, ich war mit tausenden fremden Menschen in einem Camp. Ich war der Einzige der unter 18 Jahre als war. Also Angst habe ich nie mehr gehabt bis jetzt in meinem Leben. Ich weis jetzt nicht mehr was es bedeutet Angst zu haben. Ich fühle es nicht mehr. Es hört sich zwar sehr dramatisch an, aber es ist jetzt so bei mir.
I.: Wie lange warst du dort in der Unterkunft?
M.: In Griechenland, da war ich 2 Jahre, ich musste halt so lange dort bleiben, weil ich warten musste bis ich eine Zusage von Deutschland bekomme, um mich herzubringen, weil ich nicht alleine kommen durfte.
In Deutschland bin ich jetzt seit 3,5 Jahren, aber in den Unterkünften in Deutschland war ich nicht sehr lange. Im Oktober bin ich seit 4 Jahren hier.
I.: Hattest du in der Gemeinschaftsunterkunft ein eigenes Zimmer?
M.: Nein, nie.
I.: Wurdest du dort kontrolliert? Und wenn ja, wie oft und wie hat sich das angefühlt?
M.: In Griechenland gab es keine Kontrollen, weil man keine tausende von Menschen an einem Tag kontrollieren kann. Sehr viele waren kriminell, Drogendealer oder Mörder. Alles was du dir vorstellen kannst an kriminellen Menschen gibt es dort, und niemand hat uns kontrolliert.
In Deutschland wurde ich am Anfang ein bisschen kontrolliert, aber nur ob ich im Zimmer bin und dann nicht mehr. Und sobald ich meinen Ausweis bekommen habe hat es niemanden mehr interessiert, wo ich war und ob ich im Zimmer war.
I.: Gab es gewalttätige Vorfälle in den Gemeinschaftsunterkünften?
M.: Das wird etwas krasser. Wer nichts über Blut hören möchte, sollte das nicht lesen oder überspringen. Damals waren 2 Dinge passiert: Einer meiner besten Freunde wurde mit einem Messer in die Brust gestochen und ich hab ihn dann gerettet. Ich habe ihn aus dem Camp rausgeholt, einen Krankenwaagen gerufen und versucht ihn so schnell wie möglich zu einem Arzt zu bringen. Zum Glück hat er es überlebt, also er ist nicht gestorben.
Das Zweite Ereignis war ein Freund von mir der psychische Probleme hat und er konnte auf einmal nicht mehr atmen und ich musste ihm helfen und habe dann Erste Hilfe geleistet und zum Glück hat er auch überlebt.
I.: Wo lebst du jetzt?
M.: Jetzt wohne ich in Freiburg, und arbeite auch hier, als Clubfotograf. Außerdem habe ich gleich am Anfang eine Ausbildung angefangen und jetzt meine Prüfungen geschrieben.
I.: Wo ist deine Familie jetzt?
M.: Meine Familie wohnt auch in Freiburg, bald seit 7 Jahren und sie bekommen auch bald die deutsche Staatsangehörigkeit und ich werde der einzige Ausländer zuhause sein.
I.: Wurdest du in der jetzigen Nachbarschaft, in der du jetzt lebst als Fremder betrachtet?
M.: Meine Nachbarn sind super lieb, das sind Studenten und sie sind sehr offen und ich habe überhaupt keine Probleme.
I.: Wie hast du Deutsch gelernt?
M.: Durch meine Kollegen von der Arbeit, durch alle Leute mit denen ich täglich spreche. Ich habe nur 3 Monate gebraucht, um alles zu lernen. Aber ich übe jeden Tag, wenn ich mit anderen Menschen spreche.
I.: Hast du hier Freundschaften geschlossen?
M.: Ich kann ja sagen, auf jeden Fall. Auch von der Arbeit habe ich viele Freunde, und mittlerweile habe ich hier sogar meine so gute Freunde, dass ich sie meine Besten Freunde nenne.
I.: Vielen Dank für das Interview!
| Ort | Freiburg im Breisgau |
| Autor | Flucht und Vert... |
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