BdM vor dem Martinstor
Du siehst hier gar keinen Buchladen? Richtig, wir sind auch noch nicht da, aber wir halten hier an, weil ich hier etwas erlebt habe, das mich sehr traurig gemacht hat. Vom Jungmädelbund, in den ich so gerne eingetreten wäre, habe ich dir ja schon erzählt. Im Spätsommer letzten Jahres ging ich so wie du jetzt am Bertoldsbrunnen vorbei, weil ich Benno besuchen wollte. Dort, wo du jetzt gerade stehst, sind mir dann die Mädchen begegnet, die du auf dem Bild siehst. Es sind die Älteren bei den Jungmädeln. Deshalb haben sie das Jung“ einfach weggelassen und nennen sich einfach nur „Bund Deutscher Mädel“ Als diese Gruppe wie Soldatinnen an mir vorbeimarschierte, entdeckte ich zwischen ihnen Franzi. Franzi ist mein großes Vorbild. Sie wohnt nur zwei Häuser von mir entfernt und ist schon 14. Von ihr haben Benno, ich und viele andere Kinder zum Beispiel gelernt, wie man Kirschkerne 5 m weit spucken kann und wie man freihändig Fahrrad fährt. Ich hüpfe also neben den marschierenden Mädchen her und rufe: „Hey Franzi, wie geht’s?“ Sie wendet sich mir zu und lächelt ihr Franzilächeln, das nur sie so lustig lächeln kann, bleibt aber nicht stehen. Also muss ich weiter hüpfen. Ich frage: „Franzi, wie wäre es bald mal wieder mit einer Fahrradtour? Benno und ich würden uns total freuen!“ Franzis Lächeln ist auf einmal wie weggewischt. Mit ernster Stimme sagt sie: „Emma, hast du es noch nicht begriffen? Benno ist ein Jude, mit solchen Leuten sollten anständige Mädchen nichts zu tun haben. Wir beide können gerne Fahrrad fahren gehen und von mir aus darfst du auch deine Freunde einladen, aber mit einem Judenjungen möchte ich nichts zu tun haben. Ein guter Rat von mir, Emma: Lass diese dämliche Freundschaft sein und komm nächstes Jahr zum Jungmädelbund, da lernst du richtige Freundinnen kennen.“ Ich bleibe stehen. Franzi marschiert mit ihren Mädels weiter und gemeinsam fangen sie nun an, ein Lied zu singen, das von Deutschlands Fahne und Zusammenhalt handelt. Ich bin total erstaunt. Ist das noch mein Vorbild? Die Franzi, die noch vor kurzem zu Benno und mir gesagt hat: „Ihr beide seid ja wie Pech und Schwefel, euch kriegt nichts und niemand auseinander.“ Seit sie beim Bund Deutscher Mädel ist, hat Franzi sich verändert. Sie hat nun samstags weniger Zeit, weil sie zu ihren Mädeltreffen muss, und mit mir hat sie seitdem nur noch gespielt, wenn Benno nicht dabei war. Lass uns weitergehen zur Buchhandlung von Bennos Vater.
| Ort | Freiburg im Breisgau |
| Autor | BL |
| Kategorien | Erinnern |
| Suchbegriffe / Tags | |
| Lizenz | Unbeschränktes Nutzungsrecht (Public Domain) |
| Bildquelle | Stadtarchiv Freiburg: H.F. Huber 1984 (Erinnerungen an eine Freiburger Kindheit im Kriege) |
| Urheber | unbekannt |
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| Lizenz Vergleichsbild | Alle Rechte vorbehalten |
| Bildquelle Vergleichsbild | Vor dem Martinstor |
| Zugeordnete Touren | Ernst Benjamin (Benno) Loewy |