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Casa dei Crescenzi 2018

Spolien im Mittelalter

Spolien als Bestandteil der mittelalterlichen Architektur

Neben der direkten Verwendung alter römischer Bauwerke verbaute man antike Überreste in mittelalterlichen Neubauten. Diese Bauteile werden in der Fachsprache als Spolien bezeichnet. Dazu gehörten sowohl aufwendige Architekturstücke wie Säulen, Reliefs oder Mosaike, aber auch einfache Bauteile wie Dachbekleidungen oder Ziegelsteine aus römischen Ruinen, die man ebenfalls oft wiederverwendete. Im Gegensatz zu Reliefs oder Marmorsäulen erfuhren antike Statuen in der Architektur des Mittelalters kaum Wertschätzung. Für die Menschen des christlich-mittelalterlichen Roms galten die nackten Statuen als Symbol des Heidentums. Meistens wurden sie daher vernichtet oder verstümmelt. Die zahlreichen Statuen, die heute in Museen zu betrachten sind, wurden meist von Archäologen der neueren Zeit in antiken Erdschichten gefunden. Lediglich einige wenige Statuen konnten als christliche Heiligenfiguren missdeutet werden, was ihnen das Überleben im Mittelalter sicherte. Wenn eine Statue als Johannes der Täufer gedeutet werden konnte, ließ man sie intakt. Ein weiteres Beispiel ist die Statue des Marc Aurel, die man lange Zeit für eine Darstellung des Konstantins hielt, der als erster Römischer Kaiser das Christentum annahm. Noch immer können aufmerksame Besucher in Rom unscheinbare Bauwerke finden, die bei genauerem Hinsehen offensichtlich aus dem Mittelalter stammen und antike Spolien enthalten. Ein für diese Bauweise charakteristisches Haus ist die Casa dei Crescenzi,  im Stadtteil Aventin, nahe der Ponto Rotto.

Geht man vom Stadtviertel Trastevere aus, lässt sich das mittelalterliche Gebäude gegenüber dem Tempel des Hercules Victor erblicken. Das Haus ist ein regelrechter Flickenteppich aus mittelalterlicher und antiker Architektur. Erbaut wurde es von der römischen Adelsfamilie Crescenzi im 11. Jahrhundert und diente ihr zuerst als Geschlechterturm. Später trug man den Turm ab und nutzte den Rest des Gebäudes als Wohnhaus. Heute befindet sich darin das römische Studienzentrum für Architekturgeschichte. In den Bau integrierte man antike Bögen und Reliefs, aber auch mittelalterliche Verzierungen lassen sich in der Fassade finden. Das antike Relief, das die Vorderseite des Hauses ziert, wurde durch Vorsprünge mit Engelsfiguren ergänzt. Während das Relief offensichtlich antiken Ursprungs ist, sind die Engelsfiguren ein mittelalterliches Werk.

Der Torbogen über dem Eingangsbereich des Hauses wirkt etwas schief und nahezu unpassend in dem Bau. Bei genauerem Hinsehen lässt sich darauf eine Inschrift erkennen, die aus dem Mittelalter stammt und einer antiken Beschriftung nachempfunden sein soll, aber in Genauigkeit und Symmetrie davon deutlich abweicht. Der Bogen selbst muss ursprünglich nicht zwangsläufig ein Tor geschmückt haben; häufig wurden Spolien von den mittelalterlichen Baumeistern zweckentfremdet. Eine Säule konnte beispielsweise auch als Querbalken genutzt werden oder ein antiker Sarkophag als Futtertrog für das Vieh. Es ist somit denkbar, dass der Torbogen in der Antike das Fundament eines Gebäudes war, auf dem einst drei Säulen standen, deren runde Umrisse sich heute nur noch anhand der Abnutzungsspuren und Fixierungslöcher erahnen lassen. Während des Faschismus gestaltete man den Bereich um die Casa dei Crescenzi drastisch um, das Haus selbst blieb davon überraschenderweise verschont.

Der Rückgriff auf antike Bauteile als Spolien hatte für den Baronaladel verschiedene Gründe. Zum einen gab es in Rom eine ungeheure Anzahl an Ruinen, deren Teile man sich nur bedienen musste und deren Beschaffung kostengünstiger war als das Herbeischaffen von Baumaterial über lange Transportwege. Spolien waren für die Menschen des Mittelalters funktionell. Zum anderen wurden die feingearbeiteten römischen Überreste aus Prestigegründen verwendet. Ähnlich wie heute gutsituierte Bürger ihren gesellschaftlichen Status mit Kunstwerken, Büchern oder Musikinstrumenten ausdrücken, stellte der mittelalterliche Baronaladel mithilfe von Spolien die eigene Stellung zur Schau. Das passierte aber nicht allein durch die Verwendung von Spolien, sondern auch durch die Besetzung und Umgestaltung der antiken Monumente in Rom. Die Adelsfamilien zeigten damit ihre Macht, die Verbindung zur Stadt und ihren Machtanspruch. Dafür ahmten sie sogar bewusst den Stil der Antike nach, wie der Torbogen unschwer erkennen lässt. Die Crescenzi ließen den Schriftzug in lateinischen Lettern einmeißeln und ergänzten das antike Relief mit Engeln als eigenes stilistisches Element. Die Ästhetik der Antike muss für die Besitzer eine entscheidende Rolle gespielt haben. Der Handel mit Spolien florierte in Rom, aber auch über die Stadt hinaus. Ganze Schiffsladungen mit antikem Baumaterial fanden ihren Weg von Rom hinaus in andere Städte, wo sie beliebte Kirchenausstattung und Fassadenschmuck waren.

In der Spätantike und dem Frühmittelalter war Papyrus ein seltenes und teures Schreibmaterial. Pergament war zwar ebenfalls teuer, aber die Anschaffung war im Mittelalter einfacher. Zudem bot ein Manuskript aus Pergament einen besonderen Vorteil. Es ließ sich reinigen und konnte mehrmals wiederverwendet werden. Ein solches Schriftstück, das mehrmals beschrieben wurde, bezeichnet man als Palimpsest. Für die Bewohner Roms im Mittelalter waren die Gebäude der Antike ein solches Palimpsest. Einst schrieben die Römer ihre Geschichte durch den Bau der imposanten Monumente in den Erdboden rund um den Tiber und die sieben Hügel Roms. Nun, im Mittelalter, griff man auf diese Bauten zurück. Unabhängig davon, ob man einzelne Spolien verbaute oder ein Gebäude, wie das Kolosseum, zu seiner Residenz erklärte, überall in Rom schrieben die Menschen des Mittelalters auf dem Stadtbild der Antike ihre Geschichte neu auf - Rom als Palimpsest.

Ort Roma
Autor Romexkursion2018
Kategorien
Stadtbild
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Lizenz Alle Rechte vorbehalten
Bildquelle
T. Nückles (2018)
Urheber
Till Nückles
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