Colombistraße 11 Part 2 1928
Lilo war ein paar Monate, nachdem sie nach England geflüchtet ist, nochmal zu Besuch in Freiburg. 1936 heiratete ihre Schwester Erna, Max Eisenmann. Hier entstand dieses Familienbild, welches ihr Vater später als Postkarte nach England schickte. Max Eisenmann wurde in der Reichsprogromnacht von Uniformierten gefangen genommen und kam in ein Konzentrationslager. Nach ein paar Wochen wurde er entlassen. Max und Erna flohen Anfang 1939 über die Niederlande in die USA.
Ihre Eltern kämpfen in der Heimat ums Überleben. 1938 müssen sie ihr Geschäft in der Colombistraße verkaufen, weil sie kaum noch arbeiten dürfen.
1939 geschieht etwas besonders Demütigendes: Jüdische Menschen werden gezwungen, neue Vornamen anzunehmen. Alle jüdischen Männer sollen zusätzlich „Israel“ heißen und alle jüdischen Frauen „Sara“. Lilos Vater Moritz weigert sich. Er sagt: „Ich habe bereits einen Namen.“ Er findet, dass ein Name zu einem Menschen gehört, so wie sein Gesicht oder seine Stimme. Niemand sollte entscheiden dürfen, wie ein anderer Mensch heißt. Doch das Gericht in Freiburg bestraft ihn dafür mit einer Geldstrafe.
Die ganzen Ungerechtigkeiten halten Lilos Eltern nicht mehr aus: Im selben Jahr, 1939, gelingt ihnen endlich die Flucht nach England, zu Lilo. Sie sind gerettet, aber sie haben fast alles verloren. So viel Glück wie die Familie Weil-Lion hatten nur wenige jüdische Menschen. Auch Lilos Cousine Marianne überlebte diese Zeit nicht.
1940 wird ihnen die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt, das konnte man sogar öffentlich in einer Zeitung lesen! Lilos Familie lebte lange in Freiburg und fühlte sich Deutschland zugehörig. Trotzdem wurde ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft weggenommen.
Wie würdest du dich fühlen, wenn dir plötzlich gesagt würde, dass du nicht mehr dazugehörst, obwohl du nichts falsch gemacht hast?
Auch ihr Haus in der Colombistraße 11 gehört der Familie plötzlich nicht mehr. Lilos Vater hatte nur das Geschäft und nicht das Haus verkauft, aber im Jahr 1941 nimmt die Regierung jüdischen Menschen ihr Eigentum weg. Das bedeutet: Dinge, die ihnen gehören – ihr Haus, ihre Möbel, ihr Zuhause – werden ihnen einfach genommen.
Stell dir vor, jemand würde zu dir sagen: Das ist nicht mehr dein Zuhause. Du darfst hier nicht mehr wohnen.
Nach dem Krieg bekommen die Eltern ihr Grundstück zwar zurück, doch ihr geliebtes Wohnhaus steht nicht mehr. Es wurde bei einem Luftangriff im Jahr 1941 zerstört. Die Familie kehrt nicht mehr nach Freiburg zurück. Zu viel ist geschehen. Die Heimat ist nicht mehr ihre Heimat.
Lilo lebte später in England und auch eine Zeit lang in den USA. Dort baute sie sich ein neues Leben auf – weit weg von Freiburg, weit weg von der Colombistraße 11. Ihre Familie blieb nicht an einem Ort. Lilos Nachfahren leben heute in England, den USA und in Australien. Die Familie ist über die ganze Welt verstreut. Das zeigt, wie sehr ihr Leben durch Ausgrenzung und Verfolgung verändert wurde. Aus einem Zuhause wurden viele neue Orte – und doch fehlte immer ein Stück Heimat, obwohl ihnen die Flucht das Leben rettete.
In der Colombistraße 11 steht heute ein neues Haus. Es sieht gewöhnlich aus. Menschen gehen daran vorbei, eilen zur Arbeit, fahren mit dem Fahrrad oder schauen auf ihr Handy. Viele merken gar nicht, wo sie gerade vorbeigehen. Doch direkt vor dem Haus liegen Stolpersteine im Boden. Sie glänzen manchmal in der Sonne. Man muss stehen bleiben, um sie zu lesen.
Auf diesen Stolpersteinen stehen Namen. Er erinnert an Lilo und ihre Familie. Der Stein sagt leise:
Hier hat einmal ein Mensch gelebt. Hier war ein Zuhause.
Viele Menschen gehen vorbei, ohne den Stolperstein zu bemerken. Sie wissen nicht, dass an genau diesem Ort einmal ein Mädchen mit ihrer Familie lebte, das gerne zur Schule ging, neugierig war und lernen wollte und das plötzlich ausgeschlossen wurde, obwohl es nichts falsch gemacht hatte.
Lilos Geschichte erinnert uns daran, dass hinter jedem Haus, hinter jeder Adresse, ein Leben steckt. Und der Stolperstein erinnert uns daran, hinzuschauen, nicht wegzusehen und Menschen nicht zu vergessen.
Vielleicht kannst du dir am Ende diese Fragen stellen: Wem wollen wir heute einen Platz in unserer Erinnerung geben?
Lilos Geschichte wurde gehört und wir haben uns hier heute an sie erinnert, sodass eine solche Ungerechtigkeit in Zukunft erkannt, dagegen gearbeitet und verhindert werden kann. Es sollte niemand auf Grund von der Religion, des Geschlechts, des Aussehens, der Herkunft, oder seiner politischen Überzeugung diskriminiert oder verfolgt werden. Die Schoa war ein grausames Beispiel dafür, wie Menschenrechte und Würde verletzt werden können, wenn Hass und Intoleranz die Oberhand gewinnen. Also lasst uns aufmerksam bleiben und uns gegen Ungerechtigkeiten aussprechen.
Was denkst du? Wie können wir in Zukunft dafür sorgen, dass niemand mehr ausgegrenzt wird?
| Ort | Freiburg im Breisgau |
| Autor | Jared |
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| Bildquelle | NS Dokumentationszentrum |
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