Israelaustausch 2018
Unsere Gruppe 2018:(hintere Reihe von links) Dennis Müller, Raphael Sillmann, Tobias Ruf, Simon Menton, (vordere Reihe von links) Sebastian Bumen, Diana Saurer, Anja Gutmann, Jule Hügin, Max Mäder und Sandra Butsch
Israel- und Palästinaaustausch der GLG
Jugendliche aus verschiedenen Klassen der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule besuchen jeden Herbst Ihre Partner in Israel und Palästina. Im Frühjahr findet die Auswahl der Jugendlichen statt, die von der Israelbeauftragten der Schule, Sandra Butsch, auf den Austausch im Herbst vorbereitet werden. Der Austausch findet bereits seit 2008 an der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule statt. Sandra Butsch, die bereits seit zwanzig Jahren mit Austauschprogrammen v.a. in den Nahen Osten betraut und dafür verantwortlich ist, betont die Wichtigkeit dieser Austauschprogramme v.a. auch in Krisenzeiten: „Selbstverständlich machen wir uns die Entscheidung wie zum Beispiel während der Gaza-Konflikte oder gar der Intifada, ob wir fahren oder nicht, nicht leicht. Dafür ist es wichtig, die Schülerinnen und Schüler gründlich auf die Reise vorzubereiten, damit sie, wenn eine Entscheidungsfindung ansteht, auch verantwortungsvoll mitdiskutieren und entscheiden können. Letztendlich bleibt es immer eine spannende Reise, die natürlich gerade deshalb zu einer besonderen Reise wird, die Weltenbilder schafft und oft genug Weltbild korrigiert. In all den Jahren „Israelaustausch“ und „Begegnungen mit dem Nahen Osten“ habe ich noch niemanden kennengelernt, der nicht nachdrücklich beeindruckt gewesen wäre.“
„Wie könnt ihr nur dahin fahren?“, fragen immer wieder Freunde und die Familien auch der mitreisenden Schülerinnen und Schüler über anstehende Israelreisen. Frau Butsch antwortet dabei gerne mit Schülerstimmen. So hat eine der Schülerinnen, ihr Name ist Anna, Ihr im Nachhinein berichtet: „Jetzt ist es schon eine ganze Weile her, dass wir dort waren und auch wenn die anfänglichen Gedanken, die man sich dazu machen sollte, berechtigt sind, weiß ich nun, dass es richtig war zu fahren. Ich habe Fernweh nach diesem facettenreichen Land. Denn Israel mag zwar flächenmäßig nicht groß sein, aber es ist so viel mehr als das, was man nur in den Nachrichten hört und sehen kann.“
Aus einem anderen Erfahrungsbericht von einer Schülerin namens Isabell stammen die Eindrücke über Israel: „Begonnen hat alles damit, dass wir auf dem ersten Teil unserer Reise unsere Austauschfreunde in Beer Sheva wieder getroffen haben. Sie hatten uns einige Wochen zuvor in Freiburg besucht. Von ihnen wurden wir auch auf verschiedene Tagestouren begleitet, bei denen wir unter anderem Höhlensysteme, die gigantische Schlucht Beth Gubrin in Mitten der Wüste, die Festung Masada und natürlich das Tote Meer besuchten. Die Wüste mit ihren unendlichen Weiten, an denen man so weit in die Ferne sehen kann, dass es so scheint als würden sich Himmel und Erde berühren, ist beeindruckend. Dabei hat man glatt das Gefühl bekommen, die ganze Welt anfassen zu können. Für mich als Fremde in diesem Land ist so ein Anblick atemberaubend und während wir von der Wüste, dem Meer und der Wärme schwärmten, wurden wir von einigen um unseren Schwarzwald mit seinen Bäumen und den winterlichen Schneemassen beneidet. Wir erlebten nicht nur prägende Momente bei touristischen Aktivitäten, bei denen wir viele Menschen unterschiedlichster Nationalitäten trafen, sondern wir bekamen v.a. auch private Einblicke in die Kultur des Landes und das Leben der Menschen vor Ort. So war zum Beispiel unser Ankunftstag ein religiöser Feiertag, so dass wir Frauen den Anblick fröhlich tanzender Männer zu israelischer Musik, mit Thorarollen in der Hand, sehen durften. Zwar weiß ich jetzt immer noch nicht genau, wie streng es an einem normalen Gebetstag in einer Synagoge zugeht, aber wie sie das Abschlussfest des 7-tägigen Laubhüttenfestes, Shmini Atzeret, feiern, das werde ich bestimmt nicht so schnell vergessen. Mit unseren neuen Lieblingsessen Humus, Falafel, Pittataschen und allerlei anderen leckeren Sachen, von denen ich bis heute nicht genau weiß, was es alles war, beendeten wir unseren Besuch unserer Austauschstudenten in deren Schule bei einem Abschlussabend, bevor wir unsere Reise raus aus Israel und rein nach Palästina fortsetzen.“ Frau Butsch unterstreicht, dass Kultur und vor allem auch Geschichte eindrücklich vermittelt würde: „So lange kann ich einen einzelnen Schüler im Unterricht gar nicht unterrichten, um dieses tiefgreifende Wissen und Erfahren zu vermitteln. Bisher bestätigte jeder Schüler, dass er von der Reise um ein Vielfaches reicher, verändert und gereift zurück kam.“
Aus einem Erfahrungsbericht von Marko erfahren wir, dass er mit „Palästina“, in seinem Leben vor dem Austauschprogramm nicht viel anfangen konnte: „Man kennt es ja nur aus dem Fernsehen. Und Freunde aus diesem Land habe ich eigentlich sehr wenige, um genau zu sein, nur einen. Als wir uns am Morgen von Jerusalem verabschiedeten und mit dem Bus nach Palästina zur Schule "Talitha Kumi" fuhren, wusste ich nicht so recht, was auf mich zukommen würde. Im Bus saßen viele Araber, das war offensichtlich. Außerdem fuhren wir natürlich an diesen riesigen Betonmauern und Grenzzäunen entlang, aber der Grenzübergang war für uns nicht so auffällig wie befürchtet. Um in die Westbank hineinzukommen, braucht es nicht viel. Wenn man wieder raus will, dies zeigte sich später, hängt viel vom „richtigen“ Busfahrer, der Grenze und natürlich dem Pass ab.
Angekommen im Hof der Schule war ich doch sehr beeindruckt. Es sah alles anders aus als ich dachte. Die Kinder winkten uns zu und waren genauso neugierig wie ich. Sogar unsere Zimmer waren "der Hammer!". Unser Milad, der Lehrer der Partnerschule und Freund von Frau Butsch ist ein sehr offener Mensch und wir durften ihn alles fragen, was wir wollten. Er nahm uns viele Berührungsängste und brachte uns „sein Palästina“ nahe.
Immer wieder begegnet man auf seiner Reise durch die „Westbank“ der Grenzmauer. Überall sieht man Graffitis. "Cool", dachte ich mir im ersten Moment zu den Bildern, doch nach längerem Nachdenken, was eigentlich die "Message" von den Bildern ist, wurde mir klar, dass hier künstlerisch ein politisches Zeichen gesetzt wird. Man konnte verstehen, wie es die Leute hier finden von der Mauer umgeben zu sein. Diese Eindrücke wurden durch den Besuch von einem Flüchtlingslager, einem „noch“ funktionierenden Entwicklungsprojekt und der Diskussion mit palästinensischen Jugendlichen bestärkt. Vor allem der Kontakt zu den Leuten im Flüchtlingslager hat mich total beeindruckt und mir deren Lage und Situation erst richtig klar gemacht.
Die Innenstadt von Betlehem war mit ihrem Markt und der Geburtskirche von Jesus kaum zu beschreiben. Farben, Geräusche, Gerüche, alles prallte auf einen drauf, es war etwas ganz Neues. Kaum zu beschreiben. Überall spielte sich in den engen Gassen und Straßen etwas ab. Für mich, noch etwas nie zuvor Erlebtes. In der Einkaufsstraße wollten die anderen und ich uns Erinnerungsstücke, Pistazien und Kichererbsen kaufen, dabei ergab sich noch ein Besuch bei einem Barbier. Obwohl der Barbier kein deutsch sprach und ich kein arabisch, verstanden wir uns mit verschiedenen Gesten.
Die Tage vergingen dort alles andere als langsam und die Eindrücke und Erfahrungen, die wir dort erlebt haben, sind einfach unbeschreiblich. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit gehabt. Doch durch die wenige Zeit habe ich mir vorgenommen noch einmal dahin zu Reisen. Und dann mit mehr Zeit.“
Paula war vom Reichtum Israels beeindruckt und auch vom Grün seiner Landschaft: „Zurück, wieder auf israelischem Boden, begannen wir unsere etwas freiere Rundfahrt durch den nördlichen Teil des Landes. Zur Verwunderung meinerseits war die Landschaft im Vergleich zum wüstigen Süden äußerst grün. Riesige Dattelplantagen ebneten uns den Weg Richtung See Genezareth. In der dortigen Dorfdisko fielen wir als zum Teil blondschöpfige Deutsche allein unter Israelis besonders auf. Doch anstatt auf Abneigung und Verachtung zu stoßen, wurden wir nicht nur offen, sondern auch herzlich und interessiert aufgenommen. Wir feierten aber nicht nur diesen Freitagabend zusammen ziemlich entspannt; ich finde, dass die Stimmung auf unserer gesamten Reise zwischen uns und den Israelis sehr gut war. Ich war aber auch beeindruckt, wie viele Israelis uns erzählten, dass sie nach ihrem abgeschlossen 2-3 jährigen Militärdienst selbst eine Stadt in Deutschland bereist hatten. Offenbar aber nicht nur wegen unseres Puddings-Paradieses. Was ich nicht gedacht hätte, ist, dass die Menschen viel vernetzter sind als wir. Egal in welchem Restaurant, Verkehrsmittel oder öffentlichen Einrichtung wir waren, überall gab es kostenloses WLAN. Und nach dem Passwort wurde sofort gefragt, wenn es nicht schon groß irgendwo stand. Da wurde auch uns spätestens klar, warum es wiederum unsere Austauschschüler schockierte, dass es das bei uns nicht überall gibt. Nach dem Besuch des Gertrud-Luckner-Altersstiftes, welches aus gutem Grund Namensvetter unserer Schule ist und dessen total lieben Bewohner sich riesig auf uns freuten und der Besichtigung der saftig grünen hängenden Gärten in Haifa kamen wir schließlich in Tel Aviv an, in dessen angenehm warmen Wasser wir die strahlend leuchtende Stadt bestaunten, bevor wir zurück nach Deutschland ins kalte Nass kehrten.
Jetzt, einige Wochen danach, denke ich immer noch an die Zeit, die wir dort in Israel und Palästina verbringen durften. Es war eine tolle Chance seine Meinung über das Land zu ändern und ich weiß, dass so ein Austausch eine wichtige Sache ist, um die Vergangenheit besser verstehen und die Zukunft mitgestalten zu können. Wir sind die Generation, die hoffentlich alles wieder drehen und etwas verändern kann!"
Was "das Herzstück" der Begegnung sei, ist laut Frau Butsch schwer zu beantworten. Selbstverständlich hängt solch eine Begegnung und Reise von der persönlichen Familiengeschichte, der eigenen Vita und persönlichen Standpunkten der Jugendlichen ab, aber zentral für eine Begegnung mit dem Land Israel sei der Besuch der bedeutendsten Gedenkstätte des Holocausts oder, wie die Juden sagen, der Shoah - Yad Vashem. Dem Schrecken und dem Grauen der Geschichte begegne man hier, was für ein Lernen aus der Geschichte unumgänglich sei, nur dass durch die Reise ins Land Israel selbst und den Kontakt mit den Menschen vor Ort, das Lernziel nicht abstrakt bliebe, sondern Geschichte ins Greifbare, Gestaltbare und hoffentlich zu etwas Besserem gebracht würde. Für die Gertrud-Luckner-Schule sei überdies der Besuch des Beit Avot Luckner, ein Altersheim in Naharija, welches von Frau Dr. Luckner für Angehörige von Deutschen mit jüdischem Glauben gegründet wurde, ein wichtiger Bestandteil der Reise. Jedes Jahr sammelt die Schulgemeinschaft Gelder für das Heim, welche die Jugendlichen vor Ort überreichen, im Heim mithelfen und Kontakt zu den Bewohnern des Heims pflegen. Die Damen, inzwischen aus verschiedenen Ländern stammend, freuen sich jedes Jahr auf den jugendlichen Besuch.
Nun hat sich auch dieses Jahr wieder eine Gruppe von Schülern zusammengefunden, welche zur Reise in den Nahen Osten aufbrechen wird. Intensiv und mit großer Hingabe wurde sich mit dem Austausch beschäftigt, sei es die dort herrschende Kultur, die örtlichen Gegebenheiten, die aktuellen politischen Situation oder bemerkenswerte Sehenswürdigkeiten. Im Rahmen des Projekts wurde sich zudem viel mit der Thematik Judentum früher und heute und dem Antisemitismus vor allem in Freiburg auseinandergesetzt. Dieses neu angeeignete Wissen nutzen wir Schüler dieses Jahr, um am Erinnerungsprojekt „Erinnerung sichtbar machen: 80 Jahre Reichspogromnacht 2018“ teilzunehmen. Wir möchten an dieser Stelle einen Dank an „Future History“ aussprechen, welches uns eine Plattform für die aufgearbeiteten Erinnerungen bereitstellt.
Jetzt, eine knappe Woche bevor die Austauschpartner aus Israel im Breisgau eintreffen, wird uns Jugendlichen klar, dass dieses Ereignis nun bald Realität wird. Die Vorfreude auf die Reise spricht Bände, wenn man beachtet, dass die Vorbereitungen in und um die Schule einen festen Platz in unserem Alltag eingenommen haben. Jedoch ist immer noch ungewiss, welche Erfahrungen und Erlebnisse in der kommenden Zeit auf uns zukommen. In Anbetracht der uns zugetragenen Geschichten aus der Vergangenheit sind wir uns trotzdem sicher, dass der Sprung in die Ungewissheit jegliche neue Abenteuer Wert sind.
Zum Schluss möchte ich mich noch bei Frau Butsch für das tolle Interview bedanken. Zudem möchte ich ihr, im Namen der Gruppe, unseren größtmöglichen Respekt und Dank aussprechen. Sie hat uns in den vergangenen sechs Monaten die Thematik „Israel“ nahegebracht und uns für jegliche Eventualitäten gewappnet. Ohne ihre zeitintensive Bereitschaft, uns und dem Projekt gegenüber, bin ich mir sicher, wäre so ein großartiges Erlebnis nicht möglich beziehungsweise umsetzbar. In Gedenken an die Namensgeberin unserer Schule, Dr. Gertrud Luckner, möchten wir nun die kommenden Wochen gemeinsam erleben.
"Ich würde jungen Menschen sagen, dass man unter den Menschenrassen und Religionen keinen Unterschied machen darf, im Gegenteil, dass es eine Bereicherung ist, andere Menschen kennen zu lernen."
(Gertrud Luckner)
Es ist mittlerweile eine Tradition einen Film über den Aufenthalt in Israel zu erstellen. Im folgenden Link können Sie den Film der Gruppe aus dem Jahr 2017 ansehen. Die Musik im Film wurde aufgrund der Eindrücke von Israel und Palästina von einem teilnehmenden Jugendlichen selbst komponiert und eingespielt.
| Ort | Freiburg im Breisgau |
| Autor | GLGSFR |
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