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Kapitolsplatz | um 1850

Blick auf den Kapitolsplatz 19. Jahrhundert

Auf diesem Bild siehst du den Kapitolsplatz auf einer Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert. Deshalb ist auch die Cordonata, die 1578 als zweite Treppe zum Kapitol entstand, schon darauf abgebildet. Zwischen beiden Treppen sehen wir heute jedoch ein Denkmal, das der Zeichner wohl noch nicht gesehen hatte. 

Es ist jedoch nicht viel später errichtet worden, denn es stammt, wie die Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert. Warum es genau in dieser Zeit der nationalen Einigung Italiens auf dem Kapitol errichtet wurde, wird klarer, wenn die dargestellte Person bekannt ist. Es handelt sich um Cola di Rienzo. Einen Mann, der im 14. Jahrhundert in Rom lebte. 

Dieses 14. Jahrhundert brachte einige Veränderungen in Rom mit sich. Der französische König war sehr mächtig zu dieser Zeit und beeinflusste immer stärker das Papsttum, bis 1309 der französisch-gebürtige Papst Clemens V. die Stadt schließlich ganz verließ und mit dem gesamten päpstlichen Hof nach Avignon, in Frankreich zog. (Die Treppe, die seit dem 14. Jahrhundert zur Kirche Santa Maria in Aracoeli auf dem Kapitol führt, ist insofern von Bedeutung, da sie der christlichen Bevölkerung einen Gottesbezug gibt, nachdem der Papst sie im Stich gelassen hat. Dieser Gottesbezug besteht nun also über Kommune und Kapitol.)

Erst 1377 brachte Papst Gregor XI das Papsttum wieder zurück nach Rom. Mit dem päpstlichen Hof verließen viele Bankiers und Kaufleute die Stadt, was den ohnehin schwierigen Zustand der Stadt zusätzlich verschlimmerte, da nun zunehmend wichtige finanzielle Stützen wegfielen. Die Macht in Rom hatten die adligen Barone. Ihre Familien waren jedoch untereinander verstritten, weshalb sie die Stadt in einzelne Machtbezirke aufgeteilt hatten. Weiteren Einfluss hatten sie außerdem, indem sie wichtige Ämter in der kommunalen Regierung einnahmen. Schon seit dem 13. Jahrhundert bestand also eher eine Herrschaft des Adels in Rom, als eine Herrschaft des Volkes. Besonders mächtig waren die Barone durch die Kontrolle über die Getreideversorgung der Stadt. Da sie das umliegende Land beherrschten, konnten sie die Zufuhr des Getreides beliebig regulieren. Die Handlungsmöglichkeiten der Gemeinde waren also durch und durch vom Wohlwollen weniger herrschender Familien abhängig.

Cola di Rienzo fand unter diesen Umständen schnell Anhänger, denn er wollte als selbsternannter Volkstribun* die Stadt von dem herrschenden Adel befreien. Er selbst stammte aus der Unterschicht und hatte sich zum Notar hochgearbeitet. Er war begeistert von der Antike und suchte die Stadt systematisch nach Überresten dieser vergangenen Zeit ab. In der Lateranbasilika stieß er schließlich auf eine Bronzetafel, die einen Teil der lex de imperio Vespasiani enthielt. Diese ist ein Dokument, das 69 n. Chr. die Herrschaftsrechte des römischen Kaisers Vespasian festhielt. Diese Herrschaftsrechte waren als Senatsbeschluss in der Antike die Grundlage für die lex regia. In den lex regia hatten römische Juristen die Herrschaftsrechte weiterentwickelt zu einer gesetzlichen Einbeziehung des römischen Volkes in die Herrschaftrechte. 

Papst Bonifaz VIII. hatte die Tafel Ende des 13. Jahrhunderts hinter dem Altar der Laterankirche einmauern lassen, vielleicht weil er ahnte, wie sie auf das Volk wirken könnte. Zu Cola di Rienzos Glück kam die Tafel bei Renovierungsarbeiten wieder zum Vorschein, so konnte er sie finden und schließlich ab 1347 für seine Ziele verwenden. Er interpretierte die Botschaft so, dass sich in ihr die Machtvollkommenheit und Rechte des römischen Volkes geschrieben fanden und verbreitete diese Interpretation in volkssprachlicher Übersetzung (die Tafel war in Latein verfasst, was die Bevölkerung des Mittelalters zum Großteil nicht verstand). Er rief das Volk dazu auf, unter seiner Führung als Tribun, diese Machtvollkommenheit in Form von Libertas (Freiheit), Pax (Friede) und Iustitia (Gerechtigkeit) anzustreben.

Seine Ideen stiegen ihm zu Kopf und sein Wahn speigelte sich schon bald in seinen Taten wieder. Zu Beginn der Bewegung im Jahr 1347 hatte er die breite Mittelschicht der römischen Bevölkerung schnell hinter sich gebracht, doch schon bald sollten auch diese Anhänger an ihm zweifeln.

Die meisten seiner Reden hielt er auf dem Kapitol, als kommunalem Zentrum, genauer gesagt von der Treppe zur Kirche Santa Maria in Aracoeli aus. Am 01. august 1347 jedoch wählte er einen anderen Platz, von ebenso großer symbolischer Bedeutung. In seinem Höhenflug vollzog er die Ritterweihe. Traditionsgemäß wählte er dafür den Lateran, wo er auch die Selbstreinigung im Taufbecken durchführen konnte, die sein (neues) Ziel deutlich machte: Cola di Rienzo wollte Kaiser werden. 

Nicht nur seinen Anhängern wurde dieses Treiben nun langsam zu bunt. Auch die Baronalfamilien hatten nun genug davon. Wie wenig die Bewegung gebracht hatte und wie deutlich eigentlich die Machtverhältnisse in Rom immer noch waren zeigte sich nun in ihrem Handeln. Die Barone schnitten die Getreideversorgung ab und provozierten auf diese Art offene Kämpfe, die erst im November 1347, mit der Flucht Cola die Rienzos aus der Öffentlichkeit ihr Ende fanden. Sieben Jahre später versuchte er noch einmal die Macht in Rom zu ergreifen, scheiterte jedoch schnell. Dieser erneute Versuch endete mit der Ermordung Cola di Rienzos am Fuß des Kapitols.

Trotz dieser Niederlage hatte er eine wichtige Botschaft in das Volk getragen: Der Gedanke der Souveränität des römischen Volkes, basierend auf seiner Wiederentdeckung und Interpretation der lex regia. Diese Erinnerung an ihn hat sich in das kulturelle Gedächtnis Roms eingeprägt. Damit wird klar, warum in einer Zeit nationalstaatlicher Bewegungen seine Person so stark rezepiert wird, denn sie ist bedeutend für das Identitätsempfinden des römischen Volkes. Nicht nur die Statue, die hier am Fuß des Kapitols errichtet wurde zeigt diese Bedeutung, auch in der geschichtswissenschaftlichen Forschung, oder z.B. in der Oper "Rienzi" von Richard Wagner, spiegelt sich eine verstärkte Beschäftigung mit Cola di Rienzo im 19. und 20. Jahrhundert wieder.

 

*In der Antiken römischen Republik war der Volkstribun die Person, die Vertreter des Volkes in der Regierung und hatten das Recht in dessen Namen beinahe jede politische Handlung in Rom zu verhindern. Ihre Türen standen dem Volk traditionsgemäß wortwörtlich jeder Zeit offen, um dieses zu unterstützen. 

weiterführende Literatur:

- Reinhardt, Volker: Geschichte Roms. Von der Antike bis zur Gegenwart. C.H. Beck (München 2008).

- Reinhardt, Volker: Rom. Ein illustrierter Führer durch die Geschichte. C.H. Beck (München 1999).

- Musto, Ronald: Apocalypse in Rome. Cola di Rienzo and the Politics of the New Age. University of California Press (Berkeley and Los Angeles 2003).

- Seibt, Gustav, Anonimo romano. Geschichtsschreibung in Rom an der Schwelle zur Renaissance. Klett-Cotta (Stuttgart 1992).

- Struve, Tilman: Cola di Rienzo. Ein Traum von der Erneuerung Roms und die antike lex regia. Duncker und Humblodt (Berlin 2004).

Ort Roma
Autor Romexkursion2018
Kategorien
Stadtbild
Erinnern
Platz/Park
Suchbegriffe / Tags
Kapitolsplatz
Rom
Cola di Rienzo
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Lizenz Unbeschränktes Nutzungsrecht (Public Domain)
Bildquelle
Wikimedia Commons
Urheber
Warburg

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