Mussolini-Piazza Venezia um 1930
Mussolini wollte das antike Rom für seine politischen Zwecke nutzen, er wollte die „mystische Kraft“ der Stadt instrumentalisieren. Die Stadt Rom und die römische (antike) Vergangenheit wurden somit zu Propagandainstrumente des faschistischen Regimes. Seine Erinnerung an die Vergangenheit Rom war dabei jedoch sehr selektiv. Einerseits ließ er große Teile der barocken Stadt zerstören, andererseits ließ er zahlreiche antike Monumente freilegen (wobei auch bei den antiken Überresten nur erhalten/restauriert wurde, was zu Propagandazwecken nutzbar war). Zudem vergab er viele neue Bauaufträge und Rom erfuhr auch einen Bauboom. Diese Dialektik aus Zerstörung und Neuentwurf und die untrennbare Verbindung von Macht und Architektur sind bezeichnend für das faschistische Regime. Viele von Mussolinis rigorosen Umgestaltungen sind heute noch sichtbar, da nach der Befreiung am 4. Juni 1944 Einiges bestehen blieb. Die Eingriffe nach dem Krieg waren „largely cosmetic“, sodass das heutige Rom nur durch eine Art „faschistische Brille“ zu betrachten ist.
Die Piazza Venezia sollte das Herz des neuen faschistischen Roms bilden, weshalb Mussolini schon 1929 seine Arbeitsräume dorthin verlegte. Zuerst wurde innerhalb der faschistischen Regimes über die Erhaltung des Vittoriano, dem Nationaldenkmal, das an den ersten König des neugegründeten Königreichs Italien, Viktor Emanuel II erinnern sollte, gestritten. Mussolinis Alleinherrschaftsanspruch konnte eigentlich keine starke monarchische Gegenseite gebrauchen, wofür aber das Vittoriano stand. Letztendlich wäre aber der Aufschrei in der Bevölkerung zu groß gewesen, hätten sich die Faschisten am Nationaldenkmal vergangen. Zudem war auch die dort praktizierte Verehrung des unbekannten Soldaten (also Erinnerung an die zahlreichen gefallenen Weltkriegssoldaten) passend für die Ideologie des militärischen Faschismus, wodurch man das Vittoriano gut in die faschistische Ideologie einbinden konnte.
Der Palazzo Venezia selbst ähnelt einer Festung. Nicht ohne Grund wurden die Faschisten auch „Fassadenregime“ genannt.
Die Piazza Venezia ist in klassischer „Imponierarchitektur“ gehalten und bildete somit den faschistischen Platz par excellence: Der massive, offene Platz strotzte mit militärischen Symbolen, es gab keine Brunnen oder Denkmäler in der Mitte, dafür aber viel Verkehr für neue Autos, der in der Sprache der Faschisten wie Blut durch die Adern der Stadt floss (hierin spiegelt sich auch wieder der Modernisierungsanspruch des Regimes). Die Piazza stellte das Herz dar, das Leben pumpte und aufnahm. Aber auch „human traffic“ durfte hier nicht fehlen: Nachdem Sirenen in der Stadt ertönten, strömten die Menschen durch die Straßen Roms zur Piazza um Mussolini von seinem Balkon zum Volk sprechen zu hören, was er recht häufig tat, z.B. bei der Proklamation des Krieges in Äthiopien 1935. Wie ein „neuer Augustus“ sprach Mussolini von seinem Balkon aus zu den Massen und blickte zum Vittoriano und dem Grab des unbekannten Soldaten, denn der Krieg diente in seiner Ideologie als Mittel zu nationaler Einheitsfindung. Von hier aus konnte er die großen Straßen und die Bevölkerung überblicken und kontrollieren.
Der gesamte Platz war weder bewohnbar noch sonderlich ansehnlich: Es ging Mussolini eher um Mobilisierung als Ästhetik. Er symbolisierte keinen Ort der stillen Einkehr, die leere Piazza war allerdings geeignet für die sich ändernden Bedürfnisse des Regimes.
Erkundungsfragen: (hier sei insbesondere nochmals an die eingangs gestellten allgemeinen Erkundungsfragen erinnert)
- Welche Bedeutung spielt die Mobilisierung der Massen für den Faschismus und welche Rolle spielt dabei die Piazza Venezia?
- Wieso ist die Piazza Venezia für Mussolinis Massenmobilisierung und Ansprachen so geeignet? (dabei sollte man auch die umliegenden Räume beachten, also das Vittoriano, die Via del Impero [heutige Via dei Fori Imperiali], die nähe zu Forum Romanum und Kaiserfora oder zum Kolosseum)
Weiterführende Literatur:
Baxa, Paul: Roads and Ruins. The Symbolic Landscape of Facist Rome. University of Toronto Press. 2010.
Borden W. Painter, Jr.: Mussolini’s Rome. Rebuilding the Eternal City. New York 2005.
| Ort | Roma |
| Autor | Romexkursion2018 |
| Kategorien | Stadtbild Platz/Park |
| Suchbegriffe / Tags | |
| Lizenz | Unbeschränktes Nutzungsrecht (Public Domain) |
| Bildquelle | Wikimedia Commons |
| Urheber | Unbekannt |
| Zugeordnete Touren | Mussolinis Rom |