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1920 2018
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Rathhausplatz um 1920

Rathausplatz mit Gymnasium und Jesuitenkirche

Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Jahrgängen der Gesamtschule Verl setzten sich, basierend auf historischen Ereignissen und Zeitzeugenberichten/-interviews, mit Hilfe eines kreativen Schreibauftrags mit der Reichpogromnacht in Verl und Paderborn auseinander. Hieraus entstanden unterschiedliche fiktive Tagebucheinträge.                                                                                            

                                                                                                          

                                                                                                                                                                    11. November 1938

Liebes Tagebuch,

ich habe das Gefühl, jeden Tag wird die Welt ein Stück grausamer und immer unerträglicher. Der heutige Tag hat mich an ein Zitat aus dem Buch Stolz und Vorurteil von Jane Austen erinnert, welches mir vor einigen Jahren von einem netten Handelsmann überbracht wurde. Dort steht geschrieben: „Je mehr ich von der Welt sehe, umso mehr bin ich von ihr enttäuscht und jeder neue Tag bestätigt meine Auffassung von der Unbeständigkeit aller menschlichen Charakterzüge und gibt Zeugnis davon, wie wenig man sich auf den Schein von Anstand und Vernunft verlassen kann.“ Warum mir dieses Zitat gerade heute in den Sinn kam? Es war ein Tag, der mir wieder zeigte, dass Menschen richtige Monster sind. Alles begann, als ich einen Spaziergang im Sonnenaufgang unternehmen wollte. Diese Gewohnheit hatte ich in den letzten Wochen entwickelt, so war es nicht verwunderlich, dass die Bauern, an deren Feldern ich vorbei spazierte, wussten, wann ich an ihrem Feld vorbeikommen würde. Ihre Namen will ich gar nicht nennen, damit ich sie schnellstmöglich wieder vergesse. Ich ging also auf meinem Weg entlang, als die Bauern mich plötzlich ein Stück begleiteten. Ich versuchte einfach mit gesenktem Kopf weiter zu gehen, aber sie stellten sich in meinen Weg und machten es mir somit unmöglich weiterzugehen. Ich blieb gezwungenermaßen stehen und wartete, bis sie den Weg frei machten. Einer von ihnen begann laut zu lachen und sagte: „Was will der Judenabschaum denn hier auf unseren Feldern?“ Daraufhin sagte ich: „Ich will nur einen schnellen Spaziergang machen, wenn ihr mich vorbeilasst, bin ich schnell verschwunden und ich werde nicht mehr über eure Felder gehen.“ Sie sahen sich an und ich konnte in ihren Gesichtern sehen, dass ihnen das nicht reichte. Sie wollten mich nie mehr zu Gesicht bekommen und hätten mich am liebsten auf der Stelle beseitigt, aber sich die Hände schmutzig zu machen, kam für sie nicht infrage. Anstatt dessen befriedigten sie ihre Grausamkeiten damit, indem sie  anfingen mich zu demütigen. Sie fingen damit an mir den dunklen und steinigen Sand vor die Füße und Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Beschimpfungen war ich schon gewohnt, aber dennoch trafen mich einige Ausdrücke und ich zuckte zusammen. Als die drei dies bemerkten, begannen sie hämisch zu lachen und spuckten mir vor die Füße. Sie verabschiedeten sich mit der Drohung, dass mir Schlimmeres widerfahren würde, wenn ich noch einmal ihr Land betreten würde. Deswegen machte ich mich so schnell wie möglich auf den Heimweg. Dort angekommen, wusch ich mir mein Gesicht und versuchte danach die Reaktion der Bauern zu verstehen. Ich konnte nicht glauben, dass Menschen mich so behandelten, obwohl wir vor einigen Monaten noch zusammen gegessen und gelacht hatten. Welche grausamen Gestalten waren sie geworden. Ich war auch in diesen schweren Zeiten der Meinung, dass die Menschen um mich herum eine gute Seele hatten. Was also musste passiert sein, dass Mitmenschen zu so etwas fähig waren? Ich lebe von Hoffnung und positiven Gedanken, aber im Moment schwinden diese immer mehr. Den Rest des Tages traute ich mich nicht mehr hinaus und beobachtete die Menschen auf den Straßen. Die meisten schenkten unserem Haus keine Beachtung, ganz so, als ob es und wir gar nicht existieren würde. Einige fühlten sich unbeobachtet und tuschelten, als sie an unserem Haus vorbeigingen. Vielleicht sahen sie mich auch, nur es war ihnen egal. Seit heute Abend kann ich sagen, dass es egal ist, wie die Leute reagieren. Das Schlimme sind die Beweggründe, weshalb die Menschen so reagieren. Ich denke, liebes Tagebuch, du kannst nun verstehen, weshalb mir der Handelsmann und Jane Austens „Stolz und Vorurteil" in den Sinn kamen. Ich stehe kurz davor, meine Hoffnungen an diese hasserfüllten Menschen zu verlieren. Ich versuchte immer an das Gute im Menschen zu glauben, doch wegen meines Glaubens jagen und verbscheuen sie mich. Wieso also sollte ich versuchen sie zu verteidigen? Meine letzte Hoffnung klammert sich daran, was noch blieb.

„Hoffnung ist das Letzte was bleibt, in einer schweren, traurigen Zeit. Wenn die Hoffnung auch noch erlischt, dann hat es einen wirklich erwischt.“

Ort Paderborn
Autor Gireaud
Kategorien
Stadtbild
Suchbegriffe / Tags
Rathausplatz
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Bildquelle
Stadtarchiv Paderborn
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Urheber Vergleichsbild
Gireaud
Lizenz Vergleichsbild Alle Rechte vorbehalten
Bildquelle Vergleichsbild Rathausplatz

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Auf der linken Seite befindet sich eines der bedeutendsten jüdischen Kaufhäuser Paderborns, das Kaufhaus Steinberg und Grünebaum. Heute wird das Haus vom Cafe Bar Celona bewirtschaftet.