Stadtarchäologie, Teil I
Die meisten Informationen, die wir heute über das antike Regensburg wissen, stammen aus archäologischen Funden. Um jedoch an diese Überreste zu gelangen, bedarf es oft einer gehörigen Portion Glück. Dazu kommt der häufig ehrenamtliche Einsatz von Personen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Dingen auf die Spur zu gehen. In Regensburg geschieht eine solch strukturierte Auseinandersetzung seit dem 19. Jahrhundert, aber schon davor gab es z. B. mit Aventinus (1477-1534), dem „Vater der bayerischen Geschichtsschreibung“ erste Ansätze einer ernsthaften Römerforschung. [1]
Grundproblem der (Stadt-)Archäologie
Archäolog*innen stehen oft vor dem Problem, Gefundenes zu konservieren. Häufig nämlich geschehen Entdeckungen eher zufällig im Rahmen moderner Bauprojekte, wie beim Ausbau der Regensburger Bahnstrecke im 19. Jh., bei der ein Großteil der Funde leider zerstört wurde. [2] Auch beim Baus des Parkhauses am Dachauplatz im Jahre 1971 konnte nicht alles Gefundene bewahrt werden: Von dem insgesamt ca. 120 m langen Abschnitt des ehemaligen Ostteils der Mauers fielen knapp 50 m sowie das Fundament eines Mauerturms den Baumaßnahmen zum Opfer. Glücklicherweise konnten aber im Zuge einer Großgrabung im Jahr 1972 ca. 70 m der Legionsmauer gerettet werden, die heute im Untergeschoss des Parkhauses betrachtet werden können (vgl. linke Seite des Bildes). Sie stellt den längsten geradlinig erhaltenen Teil der Mauer in Regensburg dar. [3]
Archäologische Herausforderungen I: Beispiel Römermauer
Beim Anblick dieses Abschnitts der alten Befestigungsanlage springen einem zwei Dinge ins Auge: der Aufbau der Mauer und ihre Lage.
Die Mauer besteht nicht aus nur immer denselben Steinen, sondern ist eine Mixtur aus verschiedensten Versatzstücken. Das Fundament – die Sockellage und eine ca. 90 cm hohe darüber befindliche Quaderlage – stammt wohl ziemlich sicher aus der Lagergründungszeit um 179 n. Chr. Die über diesem massiven Fundament aufgemauerten Bruchsteine sind jedoch in die Zeit des Mittelalters zu verorten. Dies zu erkennen und richtig zu analysieren, bedarf sowohl fundierter Kenntnisse als auch einer ausgefeilten Technik, mithilfe derer die Mauer vermessen werden kann. Forschungsarbeiten haben u. a. ergeben, dass Mörtel auch in den untersten Steinschichten verwendet wurde. Das ist untypisch für die Antike, nicht aber für das Mittelalter. Somit bleiben Fragen und Rätsel, ob der Mörtel nicht vielleicht doch in die Römerzeit einzuordnen ist. [4]
Verlässt man das Untergeschoss des Parkhauses und geht die Treppe entlang der Mauer hinauf, sollte man einmal kurz stehen bleiben und innehalten: Wieso ist die Mauer eigentlich so weit unterhalb des heutigen Straßenniveaus? Dass die heutige Lage der ehemaligen Legionslagermauer teils tief im Boden ist, liegt daran, dass der Stadtboden seit der Römerzeit durch Kultur- und Schuttschichten (v. a. aus dem Mittelalter) um einige Meter in die Höhe „gewachsen“ ist. Diese auffallende Höhendifferenz hat ganz praktische Folgen: Eine öffentliche Besichtigung und Erforschung ist oft nur unter Umständen möglich. Dort, wo früher der römische Laufhorizont (entspricht dem Mauersockel) gewesen ist, sind heutzutage Keller von Häusern oder Kanalinfrastruktur. [5]
Geht man ein paar Schritte an der Dr.-Martin-Luther-Straße weiter Richtung Süden, erhält man jedoch die Möglichkeit, einen weiteren, etwa 20 m langen Abschnitt der Mauer zu besichtigen: im Untergeschoss der IHK Oberpfalz. Dass auch hier ein damals deutlich niedrigeres Bodenniveau vorgelegen hat, ist spätestens beim Hinabgehen der Treppe selbsterklärend. (Wenn du den Slider im obigen Bild ganz nach rechts schiebst, wird das Ganze deutlich!)
Als mindestens genauso eindrücklich wie zuvor am Dachauplatz fällt auch hier die Zusammensetzung der Mauer auf: Die unterschiedlichen Versatzstücke belegen, dass die Stadtbefestigung sowohl in der Antike als auch im Mittelalter sowie in der Neuzeit (bis zum 19. Jh.) deckungsgleich verlaufen sein muss. Sie hat ihre Funktion also über einen Zeitraum von mindestens 1600 Jahren erfüllt! [6]
Für ein weiteres Beispiel, welches archäologische Herausforderungen am Fund einer römischen Wandmalerei deutlich werden lässt, gehe zum Tourpunkt „Stadtarchäologie, Teil II“ (https://www.future-history.eu/de/node/2982).
Jetzt bist du dran! – Fragen und Arbeitsaufträge
1) Stelle dir vor, du bist eine Archäologin, die sich mit dem Mauerabschnitt am Dachauplatz beschäftigen darf. Wie würdest du zu der Theorie stehen, dass im frühen Mittelalter die Mauer bis auf den Sockel abgetragen und jahrhundertelang wiederaufgebaut wurde? Was spräche für, was gegen diese womöglich durchgeführte Praktik?
2) Überlege, wieso die öffentlich zugänglichen Mauerabschnitte bis heute so gut erhalten sind! Gehe dabei auch auf die Verwendungsgeschichte der Befestigung ein!
Quellen-/Literaturhinweise:
[1] Dietz, Karlheinz/Fischer, Thomas: Die Römer in Regensburg. Regensburg 1996, S. 12.
[2] Dietz/Fischer (1996), S. 13.
[3] Boos, Andreas/Dallmeier, Lutz-Michael: Castra Regina – Das römische Legionslager von Regensburg. Regensburg (Stadt Regensburg, Kulturreferat) 2018, S. 47.
[4] Boos/Dallmeier (2018), S. 48-50.
[5] Dietz, Karlheinz et al.: Regensburg zur Römerzeit (2. Auflage). Regensburg 1979, S. 193.
[6] Boos/Dallmeier (2018), S. 54.
(Eintrag erstellt von: Jonas Schmitt)
| Ort | Regensburg |
| Autor | Stadtgeschichte... |
| Kategorien | Stadttor/-mauer Rekonstruktion |
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| Bildquelle | Mauerteile Dachauplatz/IHK |
| Urheber | Jonas Schmitt |
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Der eingetragene Standpunkt
Der eingetragene Standpunkt und der Blickwinkel beziehen sich auf den Blick auf die Mauer vom Untergeschoss des Parkhauses am Dachauplatz.