Lateinische Inschriften
Die ältesten gefundenen lateinischen Inschriften stammen aus der Zeit um 600 v. Chr. Im Bild oben siehst du einen vom Aedilen Aurelius Artissius für den Gott Vulcanus gestifteten Weihealtar aus Kalkstein, der am heutigen Arnulfsplatz gefunden wurde. Er stammt aus dem Jahre 178 n. Chr. [1] und ist zurzeit in der Abteilung „Römisches Regensburg“ des Historischen Museums zu sehen.
Die Inschrift auf dem Altar lautet:
Volk(ano) sacr(um) Aur(elius) / Artissius aedil(is) / territor(ii) contr(ibuti) / et k(anabarum) R(eginensium) de suo fe/cit v(otum) s(olvit) l(ibens) l(aetus) m(erito) / positum X K(alendas) S(eptembres) / Orfito co(n)s(ule). [2]
Wie man hier gut erkennen kann, wurden v. a. aus Platzgründen häufig extreme Abkürzungen verwendet. Von in der Römerzeit lebenden Menschen wurde jedoch erwartet, dass sie sich die Inschriften anhand einzelner Anfangsbuchstaben selbst erschließen konnten. Im Zuge der modernen Rekonstruktion des Inhalts wurden alle Verkürzungen ergänzt und mit Klammern gekennzeichnet.
Für den Fall, dass du selbst eine derart alte Quelle finden sollte, ist es gut, wenn du ein paar „Basics“ über Inschriften der römischen Antike in der Hinterhand hat.
„Epigraphik“ – Was ist das eigentlich genau?
Im Fachjargon wird die Wissenschaft, die sich mit eben solchen Inschriften auf dauerhaftem Material (Stein, Metall, Keramik oder Putz) beschäftigen, als „Epigraphik“ bezeichnet. Das kommt vom griechischen Wort epigraphé, was so viel heißt wie „Aufschrift“. Inschriften dienten unterschiedlichen Anliegen: Sie wurden angefertigt, wenn z. B. wichtige Gesetze verabschiedet und „unters Volk“ gebracht werden sollten. Auch Gräber enthielten mal mehr, mal weniger aufwendig gestaltete Inschriften. Eine dritte weit verbreitete Gelegenheit, Inschriften anzufertigen, war nach der Fertigstellung bedeutender Bauwerke wie Tempel für Götter oder eben auch Legionslager. So wurde unsere Inschrift am Osttor des Castra Regina neben der Nennung der Kaiser auch mit dem Namen des Senators Marcus Helvius Clemens Dextrianus versehen. Er soll das Regensburger Bauunternehmen zum Abschluss gebracht haben. [3]
Inschriftentypen – Die capitalis monumentalis
Das wohl Auffälligste bei epigraphischen Quellen ist häufig die Inschrift selbst. Die Römer, die in lateinischer Sprache gesprochen und geschrieben haben, hatten im Grunde genommen zwei Inschriften-Stile zur Auswahl: die capitalis monumentalis und die – häufig in Urkunden verwendete – capitalis actuaria oder rustica.
Für unsere Tour ist vor allem die capitalis monumentalis wichtig. Sie ist eine Großbuchstabenschrift, bei der die Grundform der Buchstaben einem Quadrat folgt. Dies kann man auch deutlich an der Gründungsinschrift von Regensburg sehen – wir haben es hier also mit diesem speziellen Schrifttyp zu tun. Falls die Inschrift repräsentativen Zwecken (z. B. Weiheinschriften auf öffentlichen Gebäuden) dienen sollte, gestalteten Steinmetze das Material, an dem sie arbeiteten, gemäß dieser römischen Kapitalschrift. Mit unserem heutigen Verständnis von Texten hatte sie aber nur wenig zu tun: Es wurden weder Wörter noch Silben getrennt. Inschriften waren zudem geprägt von Abkürzungen, denn das Einmeißeln von Buchstaben war zeitaufwendig und teuer. Um das Lesen dennoch einigermaßen möglich zu machen, wurden zur Worttrennung manchmal Trennpunkte verwendet. [4]
Schritte zum Erkenntnisgewinn – Die Datierung
Um die heutzutage oft nur noch schwer verständlichen Inschriften wieder deuten und somit zum Leben erwecken zu können, braucht es Expert*innen. Von zentraler Bedeutung für die Interpretation ist die Datierung des Textes. Für eine ungefähre zeitliche Verortung kann die Quelle auf Begriffe wie „Consul“ oder „Caesar“ abgeklopft werden. Dieses Hilfsmittel hat auch dabei geholfen, unsere Gründungsinschrift von Regensburg auf das Jahr 179 n. Chr. zu datieren.
Viele Städte in der Antike legten Listen von römischen Konsuln („fasti conulares“) an, da auch damalige Zeitgenossen die Auflistung der consules nach Jahren freilich nicht im Kopf haben konnten. Da es in der römischen Republik pro Jahr zwei Konsuln gab, wurde beispielsweise statt 133 v. Chr. der Ausdruck „Im Konsulatsjahr des Mucius Scaevola“ gebraucht. Noch einfacher für eine möglichst genaue Datierung ist es, wenn in Inschriften der Name eines Kaisers (wie z. B. „Caesar Marcus Aurelius“; Kaiser von 161-180 n. Chr.) ausdrücklich genannt wird.
Jetzt bist du dran! – Fragen und Arbeitsaufträge
1) Vergleiche die antike Zeit der Römer mit dem Jahr 2020: War es für Menschen damals oder heute einfacher, an offizielle Dokumente (Gesetzesverkündungen, Wahl von Politiker*innen, Zeugnisse über Bauwerke, …) zu gelangen?
2) Nicht nur im römischen Reich, sondern auch in Griechenland, Asien und vielen weiteren Gebieten unserer Erde gab es schon lange vor unserer Zeit Inschriften. Mache dir Gedanken darüber, wie unterschiedlich die jeweiligen regionalen Inschriften gewesen sein könnten. Was waren deiner Meinung nach Vor- bzw. Nachteile der lateinischen capitalis monumentalis?
3) Stelle dir vor, du findest bei einem Spaziergang eine Tafel mit einer Inschrift. Leider ist weit und breit niemand zu finden, der dir helfen könnte. Wie würdest du selbst vorgehen, um die „Geschichte“ hinter diesem Fundstück zu erfahren?
Quellen-/Literaturhinweise:
[1] Spindler, Max (Hrsg.): Handbuch der Bayerischen Geschichte, Band 1: Das Alte Bayern. Das Stammesherzogtum bis zum Ausgang des 12. Jahrhunderts (2., überarb. Auflage). München 1981, S. 79.
[2] Arachne, Objektdatenbank (Objekt-Nr. 204718): „Weihealtar für den Gott Vulkanus. Regensburg, Historisches Museum“. URL: https://arachne.uni-koeln.de/ara... (zuletzt: 15.07.2020).
[3] Dietz, Karlheinz/Fischer, Thomas: Die Römer in Regensburg. Regensburg 1996, S. 87.
[4] Für einen Überblick zur Hilfswissenschaft der Epigraphik siehe etwa: Blum, Hartmut/Wolters, Reinhard: Alte Geschichte studieren (2., überarb. Auflage). Konstanz 2011, S. 64-82. Oder: Günther, Rosmarie: Einführung in das Studium der Alten Geschichte (2. Aufl.). Paderborn 2004, S. 172-193.
(Eintrag erstellt von: Jonas Schmitt)
| Ort | Regensburg |
| Autor | Stadtgeschichte... |
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| Bildquelle | O. Harl, Wien: Weihealtar aus Kalkstein für den Gott Vulcanus (heute im Historischen Museum der Stadt Regensburg) |
| Urheber | O. Harl, Wien |
| Zugeordnete Touren | Funktionsweisen antiker Städte: Regensburg |