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Theatinerstraße 1905

Theatinerstraße Westseite

Straßenansicht der Westseite der Theatinerstraße zur Theatinerkirche hin gesehen: links angeschnitten das Haus Nr. 9, dann das Mielich-Haus (Nr. 10), darauf die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank (Nr. 11). Nur sehr klein zu sehen im Anschluss u.a. das Palais Piosasque de Non (Nr. 16), der Gasthof Goldener Hirsch (Nr. 18) sowie das ehemalige Theatinerkloster neben der Theatinerkirche.

Dieses Foto zeigt sehr schön, wie elegant und mondän die Theatinerstraße einmal war. Die Westseite der Theatinerstraße gehörte bereits zum Kreuzviertel und damit zur bevorzugten Wohngegend des Adels, der sich hier in der Nähe der Residenz seine Stadtpalais baute; auf dieser Westseite befanden sich das Palais Rheinstein-Tattenbach, das Mielich-Haus (welches durch den Grafen von Törring-Jettenbach in der Rokokozeit in einen Adelssitz umgestaltet worden war), das Palais Fugger-Zinneberg, das Palais Piosasque de Non, das Palais Kuen-Belassy und das Palais Berchem, auf der Ostseite zudem das Palais Preysing. Mit Ausnahme der neubarocken Hypobank stammten alle auf dem Foto zu sehenden Häuser aus der Barock- und Rokokozeit bzw. waren in dieser Zeit umgestaltet und neu dekoriert worden; einige dieser Fassaden gehörten dabei zum Feinsten, was Régence und Rokoko hervorgebracht haben. Der französische Einfluss auf Joseph Effner und Francois de Cuvilliés, die beide vom Kurfürsten Max Emanuel zum Architekturstudium nach Paris geschickt worden waren und dort den Régence- und Rokokostil kennengelernt hatten, hatte nach ihrer Rückkehr nach München zu einer Verschmelzung mit bayerisch-mitteleuropäischen Traditionen geführt: sie brachten den in Frankreich fast ausschließlich im Innenbereich verwendeten Régence- und Rokokoschmuck nun auch auf den Fassaden an - eine Sache, die man in Frankreich kaum je finden wird und die dort, zumal in dieser Üppigkeit, wohl auch als ungehörig und geschmacklos angesehen worden wäre. In München waren die nobleren Hausfassaden hingegen schon seit der Spätgotik ornamentiert und bemalt gewesen (bedeutende Fassadenmaler waren z.B. Jan Polack und Hans Mielich), auf den alten Stichen des Marienplatzes von Merian und Wening kann man deutlich die reiche Fassadenbemalung erkennen. Diese Bemalung wich in der Barockzeit der neuen Mode der Stuckaturen und so war der Boden bereitet für den aufwendigen Régence- und Rokokostuck, wie man ihn am Mielichhaus, dem Palais Piosasque de Non, dem Palais Kuen-Belassy u.a. in der Theatinerstraße sehen konnte.

Heute ist von der einstigen Pracht und Eleganz nichts mehr übrig: mit Ausnahme der Theatinerkirche wurden alle auf dem Foto zu sehenden Gebäude im 2. Weltkrieg zerstört, nur das Theatinerkloster wurde nach dem Krieg rekonstruiert (1970-72). Von den nicht auf dem Foto zu sehenden Gebäuden am Anfang der Westseite der Theatinerstraße blieben nur die Häuser Nr. 7 ("Arcopalais") und Nr. 8 stehen, auf der gesamten Ostseite nur die Feldherrnhalle, das Palais Preysing (rekonstruiert) sowie das Jugendstil-Geschäftshaus Nr. 38; alles andere wurde zerstört. Nach dem Krieg wurde die Straße fast ausnahmslos mit banalen und gesichtslosen Geschäftshäusern wiederaufgebaut.

Die Theatinerstraße stellt wahrscheinlich den schwerwiegendsten Verlust der Altstadt Münchens dar, sowohl als städtebauliches Ensemble als auch was den künstlerischen Wert einzelner Gebäude betrifft; ihre Zerstörung bedeutet einen für München unersetzlichen Verlust an außergewöhnlicher und in ihren hervorragendsten Bauten des Rokoko vor allem lokalspezifischer Architektur. Als kleiner Trost mag dienen, dass die westlich benachbarte Kardinal-Faulhaber-Straße ihr altehrwürdiges Gesicht zum Glück bewahren konnte und somit in kleinerem Maßstab noch heute ein Bild dieser einstmals nobelsten Gegend des alten Münchens zeigt.

Weitere repräsentative Straßenansichten der alten Theatinerstraße siehe hier: 1), 2), 3), 4), 5), 6), 7)8) und 9).

Quellen:
Erdmannsdorfer, Karl: Das Bürgerhaus in München. Tübingen 1972
Hemmeter, Karlheinz: Bayerische Baudenkmäler im Zweiten Weltkrieg. München 1995
Schadenskarte der Münchner Innenstadt 1945 (Stadtbauamt), Franz Schiermeier Verlag

Ort München
Autor leonardo
Kategorien
Stadtbild
Suchbegriffe / Tags
Theatinerstraße
Mielich-Haus
Hypobank
Rokoko
Barock
Neobarock
Theatinerkirche
Lizenz Alle Rechte vorbehalten
Bildquelle
Stadtarchiv München – Sammlung Pettendorfer
Urheber
Georg Pettendorfer
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